Arbeitweise
Was ist das Besondere an Psychodynamischer Beratung?
Bei der Definition von Beratung orientiere ich mich sowohl an der Deutschen Gesellschaft für Beratung als auch an der Berufsordnung des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen, dessen Mitglied ich bin. Beratung ist demnach ein Prozess zur Förderung psychischer und handlungsorientierter Kompetenz als auch eine Begleitung bei Entwicklungsaufgaben und Problemlagen. Sie hat zum Ziel das Denken, Fühlen und Handeln positiv zu verändern, Ressourcen zu fördern und neue zu erschließen. Negative Lebensfaktoren sollen abgebaut und Kompetenz zur Konfliktlösung aufgebaut werden.
Oder in meinen Worten: Beratung ist ein (unter-)stützendes Angebot, um bei Problemen und Veränderungen zu helfen, die zu groß für einen selbst erscheinen. Sie hilft dabei, sich selbst besser kennen zu lernen, zu verstehen, und sich letztendlich mit allen – noch so wenig schmackhaften – Anteilen der eigenen Persönlichkeit zu akzeptieren. Beratung kann somit dazu beitragen Verantwortung für das eigene Leben wieder spürbar zu machen und nicht mehr ausgeliefert von scheinbar unsichtbaren Mächten dieselben „Fehler“ auf ewig zu wiederholen.
All das vor dem Hintergrund unserer Welt, der Kultur und Gesellschaft, die für jeden Menschen unterschiedlich offen ist und natürlich auch unserer physischen Körper, was insgesamt dazu führt, dass wir nur bedingt frei sind.
Psychologische Beratung muss dabei immer theoriegeleitet sein, weshalb meine Beratung auf der Psychodynamik bzw. der Psychoanalyse beruht. Psychodynamische Beratung – an dieser Stelle orientiere ich mich an Heike Schnoor – ist somit ein Spezialfall der Beratung und zeichnet sich durch einen Fokus auf gegenseitiger Beeinflussung seelischer Kräfte aus, die sich aus bewussten und unbewussten Motiven, Phantasien, Bedeutungen, Wünschen und Ängsten zusammensetzen. Diesem Verständnis nach ist die Anwesenheit von Konflikten demnach nichts Pathologisches, da sich die Psyche in einem ständigen bewusst-unbewussten Spannungsfeld befindet. Einige Konflikte haben jedoch das Potential, uns gefangen zu halten.
Ist Psychodynamik bzw. Psychoanalyse überhaupt noch zeitgemäß?
Ein weit verbreiteter Vorwurf an die Psychoanalyse ist, konservativ, anti-feministisch und veraltet zu sein. Dem möchte ich jedoch widersprechen. Die Psychoanalyse entwickelt sich seit ihrem Entstehen vor mehr als 100 Jahren konstant weiter, so gibt es unter anderem intersektional-feministische Strömungen bei einer gleichzeitigen Weiterentwicklung der klassischen Theorien. Und zugegebenermaßen lese ich tatsächlich gerne Freud und halte viele seiner Konzepte (das Unbewusste; Ich, Über-Ich, Es, Lebens- und Todestrieb) für essentiell, um die menschliche Psyche zu begreifen.
Psychodynamik kann als Spezialfall der Psychoanalyse verstanden werden. Sie greift auf den gleichen Theorierahmen zurück, unterscheidet sich jedoch in der Art der Arbeit mit Klient*innen. Sie ist meist von kürzerer Dauer und mehr auf das Hier und Jetzt bezogen.
Was ist der Unterschied zwischen Psychotherapie und Beratung?
Kurze Antwort: Nur Psychotherapie ist eine Heilmethode, die darauf abzielt, psychische Störungen zu mindern und zu heilen. Der Begriff Psychotherapie ist aus den zwei vom Altgriechischen abgeleiteten Wörtern psyche (Atem, Hauch, Seele) und therapeia (Heilung) zusammengesetzt. Die ersten psychotherapeutischen Ansätze gehen auf Sigmund Freud zurück, an dessen Denkschule, der Psychoanalyse, ich mich anlehne.
… ein Märchen zur Verdeutlichung
Ich verwende gerne folgendes Bild, um den Unterschied zu veranschaulichen. Stellen Sie sich eine Burg vor, die von einem Burggraben umgeben ist und von einem Drachen verteidigt wird. Im Innern befinden sich neben der großen Halle, wo rauschende Feste gefeiert wurden, auch verborgene Schatzkammern, Ahnengalerien, Geister, Geheimgänge und Keller, in denen nicht nur Wein gelagert, sondern auch gefoltert wurde. Vom Burgturm wiederum haben Sie eine wunderbare Aussicht auf die Landschaft, die die Burg umgibt und zum Träumen einlädt. Sie fühlen sich hinter den dicken Mauern sicher und machtvoll. Manchmal kommt Ihnen die Burg auch gespenstisch vor und Sie sich auf einmal selbst sehr klein und unbedeutend. Es kommt sogar vor, dass Sie Angst haben, die Burg zu verlassen und die umgebenden Ländereien zu erkunden.
Die Burg symbolisiert die gesamte Psyche mit ihren unbewussten, verdrängten und bewussten Anteilen, den mannigfaltigen Abwehrmechanismen, um das Innerste zu schützen, welches zeitgleich von inneren Objekten und Erinnerungen bevölkert wird. Hinzu kommen Triebe, Gefühle, Wünsche und alle Persönlichkeitseigenschaften, die uns Menschen individuell machen; daneben aber auch Symptome und Pathologien.
Kommen wir nun zu den Ländereien. Die Landschaft, die die Burg umgibt, ist verzaubert. Es finden sich Dörfer und Städte, fruchtbare Felder, gefährliche Schluchten und in der Ferne das Meer. Auch ein Wald darf nicht fehlen mit magischen Quellen, einem Hexenhaus und einem Brückentroll. Elben, die elegant durch die Ebenen schreiten; Zwerge, die in den Bergen hausen; Irrlichter, die in den Sümpfen verführerisch leuchten. Es wachsen seltene Pflanzen mit Heilkräften und Pilze mit magischen Eigenschaften.
In der Ferne bereitet sich ein feindliches Heer darauf vor, die Ländereien mitsamt der Burg zu erobern, aber nebenan befindet sich auch ein freundliches Königreich. Versteckt liegen auch Ruinen aus längst vergessenen Zeiten und auf der Waldlichtung werden geheimnisvolle Rituale abgehalten.
Sie haben es sicherlich schon erkannt; die verzauberte Welt soll das Außen symbolisieren, mit all seinen Verlockungen und Gefahren, Kulturen, Abenteuer, Aufbruch, Entdeckungen und eben auch Verlust, Krankheit und Tod. Es warten dort Freunde und Feinde, Liebe und Konflikte in Beziehungen, dem Arbeitsplatz und überall sonst, wo Menschen aufeinandertreffen. Und natürlich finden sich dort allerlei Ressourcen, denn die Burg kann sich nicht von selbst versorgen und ist abhängig von der Welt, die sie umgibt.
Zurück zur Frage, wo der Unterschied zwischen Therapie und Beratung liegt. In einer psychodynamischen oder analytischen Therapie liegt der Hauptfokus auf der Burg mit Berücksichtigung, aber eben nicht mit Fokus auf der verzauberten Landschaft. In der Beratung bleibt die Burg im Bewusstsein, ihr Einfluss wird anerkannt und der Burg wird auch häufig ein Besuch abgestattet. Der Hauptfokus liegt jedoch auf den sie umgebenden Ländereien. Die Trennung zwischen Burg (Psyche) und Ländereien (die Psyche, mit ihrer Wahrnehmung der äußeren Welt) ist zwar künstlich, aber für die Arbeit sehr hilfreich, um eine Abgrenzung und eine Fokussetzung zu ermöglichen.
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